Ein herzzerreissendes Stück vom Natursauerteig-Glück
Die Soap-Opera-Kultur setzt sich immer weiter durch. Genau wie im Folgenden beschrieben wurde in realiter ein wohl Original ARD-Drehbuch durchexerziert, das einem wie Zucker auf der Mattscheibe zergeht. So beobachtet in einer Bäckereifiliale.
Alles ist drin: Der Zusammenhalt der arbeitenden Klasse, die Hilfsbereitschaft über Generationen hinweg (aka: Die Weisheit der Alten), die sympathische südländische Betonung des Körperkontakts, ein in Wohlgefallen aufgelöstes amouröses Drama und natürlich zwei (gefärbte) Blondinen am gut ausgeleuchteten Arbeitsplatz mit sanftem Pop-Gedudel im Hintergrund und einem arglosen Kunden, der wie ein schlecht bezahlter Statist steif an der Theke steht und Zeuge dieser Szene wird, weil er von den Hauptdarstellern behandelt wird als wäre er eine Unperson, vor der man (wie vor einem Haustier) sein Intimleben ausbreiten kann ohne Folgen befürchten zu müssen.
Tja, zu schade, dass ich die Begebenheit natürlich weitergeben muss:
Dramatis Personae:
Verkäuferin 1 (Susi): Ca 25-30 Jahre alt, manchmal recht unhöflich, wünscht einem aber dafür auch schon mal an Freitagen um 8:00 morgens ein schönes Wochenende. Im Folgenden Susi (ich hab mir die Namensschilder leider nicht gemerkt) genannt.
Verkäuferin 2 (Hildegard): Ca 50-55 Jahre alt, routiniert höflicher, aber unpersönlicher Umgang, wie man es sich wünscht (im Gegensatz zur aufgesetzten Schönen-Tag-noch-der-Herr-Fröhlichkeit). Im Folgenden Hildegard genannt.
Ich (Serge): Atemberaubend gutaussehend, 23. Semester Sonderpädagogik, wünscht 4 Michelsemmeln (80 cent im Angebot)
Des weiteren einige stocksteife Statisten, die im Hintergrund Kaffee trinken und Gespräche vortäuschen.
Auftritt Serge: (Bestellung vollführend) 4 Michelsemmeln bitte
Hildegard: (wortlos, die Bestellung annehmend)
Susi: (Mopp in der Hand, aufgeregt, zu Hildegard) Du hattest recht, ich habe ihn darauf angesprochen, wie du es gesagt hast und jetzt ist wieder alles in Ordnung
Hildegard: (zufrieden und weise Richtung Kundschaft blickend) Na also, hat sich doch alles in Wohlgefallen aufgelöst
Susi: (ehrfürchtig) Danke nochmal, ich hatte echt solche Sorge, dass es vorbei sein könnte
Hildegard: (heischend) Und bekomme ich jetzt keine Umarmung? (wird von der Seite von Susi umarmt, da sie immer noch Richtung Theke ausgerichtet ist)
Susi: (erleichtert und frohgemut, verlässt die Szene)
Vollendung der Transaktion, Serge verlässt die Szenerie nicht ohne noch von bewundernden Blicken entkleidet zu werden. Draußen ist es zwar nicht kalt, ein Händereiben kann er sich dennoch nicht verkneifen. Per Computer sollte später noch kondensierter Atem hinzugefügt werden.
Meine Rolle bei diesem Schauspiel habe ich zugegebenermaßen übrigens nicht gut gespielt. Abgesehen davon, dass an dieser Stelle eine alte Dame besser gepasst hätte als ein - soviel ist einzuräumen - Klischeestudent, hätte ich nicht nur stoisch auf mein Brot warten sollen, sondern mich an dramaturgisch abflachender Stelle räuspern und einwerfen sollen, dass ich nicht den ganzen Tag Zeit habe.
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