Schaffen Sie sich doch eins an, Sie uncooler Hosenbrunzer
Doris Bergman war verzweifelt, gerade noch dem Schicksal der verlorenen Generation entgangen, dann aber auch noch den 68-Coolnesszug freier Liebe (”Norbert war dagegen”), befreiter Büsten (”zu asymmetrisch”) und politischer Rebellion (”Individualismus muss schon sein, aber nur wenn’s alle machen”) verpasst, zweifelte sie daran, dass überhaupt jemand Anteil an ihrem Leben nimmt - kurzum: sie wusste nichts mit ihrer Zeit anzufangen.
Schließlich hatte die deutsche Post eine Idee: 30 Millionen Kilometer Draht, 200 Millionen Telefonmasten, ein günstig erworbener russischer Satellit (zwar schon längst verstummt, macht sich aber trotzdem gut auf dem Budgetantrag im Bundestag), 130000 gelangweilte Hausfrauen in die Vermittlung und fertig ist das kleine Wunder: Endlich kann Doris sich kurzentschlossen auf ein Fischbrötchen verabreden, ihren Arzt schnell mal anrufen und um Kochtipps bitten oder einfach nur mal der Welt im allgemeinen “Guten Tag” sagen. Außerdem spart sie sich den regelmäßigen Weg zum Marktplatz, da sie jetzt dank telefonischer Zeitansage nicht mehr auf die Kirchturmuhr angewiesen ist.
Bis heute haben sage und schreibe 450 Menschen in Deutschland einen Telefonanschluss beantragt, fast der Hälfte wurde bereits ein ungefährer Termin zugesagt, Doris weiß: Damit kann sie die Leere füllen, die sie tagsüber regelmäßig zwischen der Wiederholung von “Dalli, Dalli” und dem Ausmisten des Hamsterstalls überfällt, das sind nämlich doch schon eine ganze Menge Leute zum “Guten Tag” sagen, auch wenn’s nach wie vor keinen kümmert, wie Doris’ Tag ist - das sind nämlich alles Kommunisten.
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